Das Comeback-Album‘ „Augenblicke“ im Test von Holger Stürenburg!

Welche der insgesamt 18 musikalischen „Augenblicke“ die Gunst des Musikjournalisten erringen konnten…:

Den meisten von uns Schlagerfreunden ist der gebürtig aus dem mittelfränkischen Treuchtlingen stammende STEFAN PÖSSNICKER als vielseitig gefragter und gewiefter Musikproduzent und Remixer unzähliger aktuellerer Schlagerhits bekannt. Der 45jährige Studiobesitzer und Inhaber eines eigenen Labels namens PHÄNOMENAL wurde bereits mehrfach mit Goldenen und sogar Platinen Schallplatten für seine Mitwirkung an so mancher Erfolgsscheibe von z.B. Andrea Berg, „Fantasy“ oder den „Pauldauern“ ausgezeichnet. Kürzlich trug er intensiv zur Entstehung von „Lebensecht“, dem neuen Album der Weimarer Sängerin Tanja Lasch, bei, das ich im Juni d.J. HIER vorgestellt habe. Auch unzählige Dauerbrenner von Beatrice Egli („Wir leben laut – Remix 2014“, „Auf die Plätze, fertig, ins Glück- Remix 2014“), den „Cappuccinos“ („Raphaela – Mix 2014“), Michael Fischer („Alles dreht“) oder Andreas Gabalier („I sing a Liad für Dir“) entstanden unter seiner Fittiche als Produzent und/oder Remixer.

Doch der so attraktive, wie aktive Mitt-Vierziger gönnt es sich immer wieder, gleichsam selbst als Schlagerinterpret an die Öffentlichkeit zu treten. Wenn er dies tut, geschieht dies unter seinem Künstlernamen STEFAN PETERS, mittels dessen er nun schon seit 30 Jahren in der einheimischen Musikszene erfolgreich zugange ist. Ein halbes Dutzend Alben und unzählige Singles sind nach 1985 von STEFAN PETERS in die teutonischen Musikwelten ausgesandt worden.

In diesen Tagen erschien sein taufrisches Werk als STEFAN PETERS. Elf Jahre nach seinem letzten CD-Lebenszeichen unter diesem Pseudonym, wartet der fränkische Starproduzent nun auf „Augenblicke“ mit – sage und schreibe – ganzen 18 (!) Titeln auf, die ihm wiederrum den alternativen Weg, weg von Mischpult und Studioreglern, hinwärts zur Bühne, zu Live- und TV-Auftritten, ebnen sollen. „Augenblicke“ wird sowohl als Jubiläumsalbum zur 30jährigen Tätigkeit im Schlagergeschehen, als auch als Comeback des Stefan PETERS in Stefan PÖSSNICKER beworben – und, belegt tatsächlich einwandfrei, dass der erfolgsverwöhnte Klangzauberer nicht nur ein Meister der musikalischen Gestaltung im Hintergrund ist, sondern es als Vortragender eigener Lieder ebenso überzeugend, aufwühlend und mitreißend drauf hat.

„Augenblicke“ besticht mit teils eigenen Kompositionen des heute in Rehlingen-Langenaltheim lebenden Sängers, teils solchen Liedern, die unter tatkräftiger Mithilfe prominenter Kollegen, wie Matthias Stingl, Andreas Bärtels, Erich Öxler oder Produzentenkollege Gerd Jakobs entstanden sind, vermischt mit einigen ausgewählten Coverversionen von z.B. Helmut Frey („Ein Leben lang“, 1986) oder IBO („Spieglein an der Wand“, 1992).

Mit sanfter, aber stetig so intensiver, wie wiedererkennbarer Stimme, intoniert der Betreiber des, wie beschrieben, vielfach frequentierten TONEART Studios in seinem Wohnort Rehlingen auf „Augenblicke“ ein außerordentlich abwechslungsreiches, durchwegs anspruchsvolles Repertoire zwischen zeitnahem Popschlager mit Tanzbarkeitsgarantie, sensibler, besonnener Ballade oder feinstem Deutsch-Pop, jenseits aller Schlagerzwänge.

Als erste Single aus vorliegender Silberscheibe war im Advent 2014 die traumhaft wehende, enorm stimmungsvolle und überaus melodische, gitarrengeführte Romantikballade „Weil ich Dich brauch‘ (Ti amo)“ auf den Markt gekommen, die ob ihrer hohen klanglichen, wie musikalischen Qualitäten, ihrer atmosphärischen Tiefe und Eindringlichkeit in puncto Arrangement und Umsetzung zweifellos einen sehr spannenden Appetitanreger für Stefans aktuellen Longplayer darstellte. Im April 2015 folgte Vorab-Single Numero II. Hierbei handelte es sich um eine vollständige Neubearbeitung von Stefan Peters‘ kess-vorantreibender 2012er-Nummer „Diesen Weg“, mit deren Urversion der plietsche, großgewachsene Allroundmusiker bereits im Hochsommer vor drei Jahren die beliebte ARD-Show „Immer wieder Sonntags“ von Entertainer und Sangeskollege Stefan Mross gehörig aufgewirbelt hatte. Als brandneue Radiosingle aus „Augenblicke“ ist für Ende August der edle, unaufgeregte und trotzdem radikal clubtaugliche Disco-Schlager „Ich leb‘ hinterm Mond“ vorgesehen, der durchaus in stilistisch und harmonischer Hinsicht augenzwinkernde Reminiszenzen zum einen an Andreas Martins den Erdtrabanten fangenden Tanzevergreen aus dem Jahr 2008 und somit zugleich zum anderen an Frank Neuenfels‘ kommende, ebenfalls an diesen lunaren Discorenner aus dem Hause Martin-Krause gemahnende, mondsüchtige Maxi „Ich flieg mit Dir“ aufweist.

Zu den eher auf Tanzfreuden und Tempo ausgerichteten Schmankerln auf „Augenblicke“ zählen z.B. der aufstrebende und zugleich delikat gefühlvolle Albumeröffner „Das muss ein Wunder sein“ oder der trotzige, konstruktiv aggressive Tanzhymnus „Mein Himmel weint“. In diese Kategorie fällt ebenfalls das knackige, urban-elegante, so coole, wie schwitzige Nachtleben-Epos „Pokerface“, das kongenial stilbildende Fragmente des europäischen Disco-Sounds der ausgehenden 70er mit den drallen Synthesizer-Spielereien der Folgedekade verbindet und durch diese Melange zu einer faszinierend prickelnden, geradezu theatralischen Klangorgie ausgestaltet.

„Bleib noch diese eine Nacht“ ist dagegen eine regelrecht dramatische, herzzerreißende Pop-, beinahe Rockballade voller Abschiedsschmerz und Hoffnung gleichermaßen, garniert mit fetten Chören und kreischenden E-Gitarren. „Nie hätt‘ ich das geglaubt“ findet sich betreffs Melodiösität und Deutschrock-Appeal in der Nähe der „Münchener Freiheit“, sprengt also deutlich spürbar die Grenzen des Schlagerkontextes konstruktiv und glaubhaft in einem. In der Schublade „pfiffiger Edelschleicher mit Ambition“ ist ebenso die von Andreas Bärtels ersonnene Liebeseloge „Wenn Dich jemand liebt“ gut aufgehoben. Im mittleren Tempo verbleiben die wieder einmal strikt melodiebetonten, von Anfang bis Ende nur als exquisit und substanziell zu bezeichnenden Deutschpop-Perlen „Nein, ich darf mich nicht verlieben“, „Wenn der Wind nicht mehr weht“ oder „Wir sagen nie Good-Bye“ (Musik: Stefan – Text: Helmut Frey!!).

Die offensive Neuaufnahme von Helmut Freys nachdenklichem 1986er-Hit „Ein Leben lang“ wurde ohne unnötige rhythmische Aufmotzung, womöglich nervende, gar störende Techno- oder Dance-Effekte und –Elemente, schlüssig, ehrlich und absolut untadelig ins Heute und Hier transferiert, IBOs glänzender New-Romantic-Popper „Spieglein an der Wand“ hingegen nachgerade modernisiert und aufgepeppt, aber stets in stilvoller, gediegener Edeldisco-Manier, ohne die Fans des Originals in irgendeiner Form abzuschrecken.

Schlussendlich fanden spritzige Reanimationen von Stefans einstigen, eher luftig-leicht, foxig und tanzbar arrangierten Radio- und Partyknallern „Für dieses Leben würd‘ ich sterben“, „Gott hatte einen Traum“ oder „Wer Fox tanzt, der ist gut im Bett“, die zuvor auf über 100 Schlagersamplern verkoppelt worden waren, Platz auf seiner übervollen 18-Track-Scheibe „Augenblicke“, die mit dem grazilen, balladesken Duett mit Tanja Lasch, „Leb Deinen Traum“, furios beschlossen wird, das von ihrem Herrn Papa Burkhard Lasch ersonnen wurde und wir bereits Tanjas erwähnter Solo-CD „Lebensecht“ kennen.

Allgemein ist beim nachhaltigen Anhören von „Augenblicke“ schnell festzustellen – und in einem Atemzug als ungemein positiv und stringent hervorzuheben -, dass der Künstler auf seinem neuen Opus das Hauptaugenmerk von früheren Experimenten im knalligen Disco-Fox-, Partyschlager- und Mallorca-Umfeld abwendet und dasselbe wiederum eindeutig und prononciert in die Richtung des gehobenen, melodieorientierten, zwar rundherum aufgeschlossen und zeitgemäß tönenden, aber trotzdem eher traditionsbewussten Schlagers und Popschlagers lenkt. Diese grandiose, feingliedrige Rückbesinnung ist oft opulent, nicht selten latent rockig, ausnahmslos sehr erwachsen, reif und tiefgründig inszeniert. Die entsprechende Vorgehensweise verleiht der gesamten Produktion, die der Interpret gemeinsam mit Kollege Gerd Jakobs verantwortete und selbstständig masterte und abmischte, ein immens ausgefeiltes, stilsicheres, beinahe elitäres Ambiente, das somit dem Projekt STEFAN PETERS in summa vortrefflich und mustergültig zu Gesicht steht – und daraus folgend auch in Futuro seitens des so mannigfaltig talentierten Vollblutmusikers fortgesetzt werden sollte!

Altersgenossen von Künstler und Rezensent werden sich mehr als nur ein paar „Augenblicke“ lang mit hier analysierter CD beschäftigen. Menschen, denen manche der gegenwärtigen, oft rhythmisch arg rabiaten und gleißenden Disco-Fox-Hits zu laut, zu „bumsend“; zu grell sind, unbelehrbare 80er-Kinder, die z.B. Andreas Martin, Michael Stein, Nino de Angelo, eben Helmut Frey oder die „Münchener Freiheit“ mögen, können und sollten umgehend zugreifen. Für mich persönlich zählt „Augenblicke“ von Stefan Peters bereits jetzt zu meinen subjektiven „Top 10“ der 2015 veröffentlichten, deutschsprachigen Tonträger!

Quelle: Holger Stürenburg, 21./22. August 2015
Albumkritik für www.smago.de
Hier gehts zum Original-Artikel

2015-08-24T16:35:02+00:00 24.08.2015|Musik|